grüßen vom Hohen Westerwald!


Erstens:

Wir bedienen keine
A-Sozialen Medien

Mit unseren Grüßen aus den Westerwald bedienen wir ausschließlich den Mikroblog "...BLÖÖK". Mit inbrünstiger Absicht meiden wir "Zwitscher", die Privat-Postille des neuen US-Präsidenten, oder "Fakebook", die Meinungsmache-Maschine eines atheistischen Juden namens Zuckerberg. Grundlage der Geschäftsmodelle dieser weltweit, nahezu vollkommen unbesteuert und unkontrolliert agierenden Konzerne ist der Diebstahl sozialer Daten ihrer "Kunden", die sich als Dank dafür mit Werbung zuscheißen lassen. Mit dieser maßgeschneiderten Verkaufsförderung erzielte Milliarden Gewinne landen auf den Privatkonten ihrer "smarten" Alleinherrscher.

Diese hippen Geschäftsmodelle haben "natürlich" nichts mehr mit dem absolut un"kuulen", sozialen(!) Konzept eines "Ehrbaren Kaufmannes" am Hut. Und ebenso "natürlich" wie sich ein zunehmend größer und masochistischer werdender Teil der Menschheit durch diese unehrenhaften Silikon-Valley-Errungenschaften ausbeuten lässt, wählen auch immer mehr Völker lupenrein "demokratische Diktatoren" und Psychopathen der Sorte Trump, Putin, Kac-Pis und Orban. Mit der Verweigerung unserer zahlenden Mitwirkung an diesem Krieg Reich gegen Arm wollen wir "zu Protokoll" geben, dass dereinst nicht jeder wird behaupten können, er habe von nichts gewusst.

Hier ein paar Eindrücke aus unserer "schönen neuen Welt"


Übrigens, ist es nicht fast beängstigend, wenn nicht gar beschämend, wie hellsichtig die Macher dieses Films schon vor dreißig Jahren waren: "EAT THE RICH"?! (Nicht ganz das Format von Chaplins Diktator 1940, aber immerhin...).

Hier der nicht besonders gelungene deutsche Trailer und ein paar Ausschnitte: 1 / 2 / 3 / 4 / sowie ein Stück von Motörhead, ebenfalls aus diesem Film: Orgasmatron!!! mit sehr empfehlenswertem Text.

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Zweitens:

Das könnte der PROLOG
dieser Seite sein

Devise, so heißt die Comtois-Dame, die uns eine Woche lang im Mai 2011 in einem "Zigeunerwagen" um Fontenois-la-Ville herum durch Burgund bewegt hat. Ihr verdanken wir damit eins der schönsten Erlebnisse mit Pferden, den Gefährten der Menschheit der letzten 6000 Jahre.

Heute, nach nicht einmal zwei Jahrzehnten notgedrungener Teilhabe am IT-Zeitalter, folgen wir erneut einer, allerdings ganz anderen Devise:
No Facebook!, WhatsApp!, Twitter!, Apple!
So lautet nämlich unser Motto putativer Verweigerung, wenn nicht gar Notwehr gegen ausbeuterische Vereinnahmung und undemokratische Bevormundung durch massenhaft durchgesetzte Gewöhnlichkeit in sogenannten "sozialen", in Wahrheit ungebremst kapitalistisch, von einigen wenigen Potentaten weltweit nach Lust und Laune gelenkten und unverschämt abgesahnten Medien-Konzernen.

Sogar mit diesen beiden Devisen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, geht es uns immer noch ganz prima. Niemand muss sich um unsere geistige Gesundheit sorgen. Wir leben - ähnlich hin- und hergerissen - gerne in einer Welt der Auto-mobile. Vor gerade mal gut 100 Jahren verstopften Pferde-mobile fast alle Straßen in den Metropolen. Das war weit entfernt von "früher war alles besser". Das war eine olfaktorische, akustische, kurz eine ökologische Katastrophe und ein Albtraum für Pferdefreunde.

Heute genießen wir es, von zwei Pferden human bewegt, die Landschaft um Breitscheid zu erfahren. So lange das nur Wenige tun, können sie ein tolles Erlebnis erwarten. Treffen sich aber immer mehr Menschen, zur selben Zeit, am selben Ort, um dasgleiche zu tun, dann werden sie zur Plage. So finden Massen von Wochenend-Bikern in der Eifel, auf der Suche nach einer verquasten Vorstellung von "Freiheit", letztlich nur noch Geschwindigkeits-Begrenzungen, Strecken-Sperrungen, Horror-Unfälle und frustrierte Einwohner einer einst wunderbaren Landschaft, die nun von dauer-pubertierenden "Heizern" zugedröhnt wird.

Der größtmögliche Ort, den sich Menschen, allen SciFi-Autoren zum Trotz, auch 2.0 immer noch teilen (müssen), ist der Lebensraum Erde. Dass sich die Menschen auf diesem Planeten zu einer Plage vermehrt haben, die mit rasend zunehmender Geschwindigkeit immer größer wird, kann niemand mit Verstand leugnen. Allein, Konzerne wie Monsanto, die nur ein Ziel kennen, mit allen Mitteln - vorrangig mit dem Hauptinstrument aller Wachstumsfanatiker, möglichst vielen Menschen lebenserhaltende Arbeit zu nehmen - das absolute globale Monopol der Nahrungsmittel-Produktion, damit der Weltherrschaft zu ergaunern, rechtfertigen ihre besinnungslose In-Besitz-nahme der Erde zynischer Weise mit eben dieser Bevölkerungsexplosion. In nichts dokumentiert sich das reflexartig immer wieder beklagte Versagen der Politik deutlicher und mit mehr Berechtigung, als in der Tatsache, dass sie bisher nicht einmal den Ansatz eines ernstzunehmenden Konzepts gegen die Vermehrung der Menschheit, auch nur auf eine lokale Tagesordnung gebracht hat.

Mit dem alten Klospruch: "Milliarden Fliegen können sich nicht irren: Esst mehr Scheiße!", genehmigen sich dagegen Händler in alter Frische maximal unangemessene Profite. Demnächst werden Drohnen das Evangelium eines Herrn Zuckerberg auch noch in die letzten Winkel der letzten Urwälder bringen und damit auch die letzten Naturvölker auf Papua-Neuguinea in seine Profit-Maximierungs-Masse zwangsrekrutieren.

Wer den "krassen" Glaubensbekenntnissen dieser "Hammer"-Spezies geldgieriger "Silikon-Wälli-Smaaties" glaubt, dass sich der wahre Wert von Allem und Jedem in Einschaltquoten, Verkaufs- und Klickzahlen, kurz, "am Ende des Tages" in ihrem "gailen" Kontostand ausdrückt, der muss sich nicht wundern, wenn er schon wieder mal "genial super kuul" auf Massenware, als unwiderstehlich fortschrittlich angepriesenen, nett gestalteten und verpackten Dreck, hereingefallen ist.

Schon vor fast 50 Jahren hat Wolfgang Neuss erkannt: "Je weniger zugucken, um so edler die Sendung". Gott sei Dank sieht es heute noch nicht danach aus, aber sollten Kutschen bei uns einmal so häufig sein, wie Biker in der Eifel, dann werden wir nicht mehr anspannen. Das wäre ein großer persönlicher Erlebnis-Verlust. Dennoch, ein Nichts gegen das, was uns die Pflege der Pferde, der Umgang mit diesen zauberhaften Gefährten der Menschheit gibt: Beglückende Lebenszeit.

Kann es sein, dass es für jeden Menschen eine kritische Masse von Dingen gibt, die "sich nicht rechnen", die aber dennoch, vielleicht gerade deshalb, sein Leben, letztlich die Menschheit retten? Händler, wie scheinbar systemrelevant auch immer, krankhaft geldgeile Händler, gehören ohne geringsten Zweifel nicht dazu.

Die Woche im Zigeunerwagen, um Fontenois-la-Ville herum, mächtig bewegt von einer feinen Comtois-Dame - Grüß Dich, Devise! - gehört dafür ganz sicher und ganz weit vorne zum existenziell unbezahlbaren Teil unserer beider Leben. Nicht zuletzt auch wegen des wunderbar doppeldeutigen Mottos des Veranstalters: Reisen, die nicht die Welt kosten.

Elke & Karlheinz Damerow

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Die Masse
ist
schlicht, dumm, begeisterungsfähig,
brutal, irrational, leichtgläubig, sprunghaft, unintelligent... und,

das Grundprinzip
der Demokratie

Exzerpt aus:
Der Sog der Masse
Von Harald Martenstein
10. November 2011
DIE ZEIT Nr. 46/2011

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Nach Gustave Le Bon
(„Die Psychologie der Massen“, 1895!)
verwandeln sich Menschenmassen in ein neues Wesen, ein Gemeinschaftsgeschöpf
(Kommjuunitie!), das anders handelt und anders funktioniert als der Einzelne. Die Masse sei schlichter, begeisterungsfähiger, brutaler, irrationaler, leichtgläubiger, sprunghafter, als Individuen es sind. Intelligenz sei als Massenphänomen unmöglich.

Lange vor den Verbrechen der Nazis und des Stalinismus (siehe Stephen Bannon, "Berater" des zurzeitigen Präsidenten der USA) vertrat Le Bon die Theorie, dass „gutmütige Bürger, die normalerweise ehrsame Beamte geworden wären“, in der Masse zu den grausamsten Verbrechen fähig sind. Die Masse ist nicht nur dumm. Sie kann auch gefährlich sein. Die meisten Leute können dazu gebracht werden, öffentlich zu erklären, dass eins plus eins drei ergibt, wenn nur genügend andere Leute (Kommjuunitie!) dabei Gesellschaft leisten.

Zur Entstehung von Massenmeinungen schrieb Le Bon: Die Massen können nur in Bildern denken. Bilder transportieren Emotionen. Nur Emotionen bewegen Massen. Logik ist zu kompliziert für sie. Die zweite Grundregel zur „Überzeugung“ der Massen (Le Bon spricht lieber von „Hypnose“) heißt Wiederholung. Folgendes Rezept wird immer wirken: Einfache Botschaften und starke Bilder (Gefühle auslösende Bilder) oft genug wiederholen.

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Die Masse ist aber das Grundprinzip der Demokratie, zugleich das Grundprinzip unseres Wirtschaftssystems.

Die Mehrheit bestimmt, wer regiert. Die Mehrheit bestimmt, was produziert wird. Es gibt natürlich ein paar Vermittlungs Instanzen, wir haben eine repräsentative Demokratie, der Markt ist an Gesetze gebunden. In letzter Zeit wird allerdings der Ruf nach einer mehr oder weniger direkten Volksherrschaft immer lauter. Das Volk soll öfter als bisher über wichtige Fragen abstimmen, vielleicht sogar im Internet, das ist technisch ganz einfach und kann wunderbar schnell gehen. Es klingt ja auch erst mal sympathisch. Das Volk sind schließlich wir alle. Wir könnten uns dann ganz unseren Stimmungen hingeben.

Ich hätte Angst davor.
Allerdings, Herr Martenstein;
Wir auch, Elke und Karlheinz!

Dies ist die größte Beunruhigung von allen, dass nämlich unser offizieller Herrscher, der Souverän in einem demokratischen System, das Volk, wir selber, ein launischer, dummer und gefährlicher Herrscher sein könnte.

Als die Mitglieder des Parlamentarischen Rates 1948 das Grundgesetz schrieben, hatten sie noch(?!) Angst vor "dem Volk" und seinen Launen. Das hing natürlich mit Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus zusammen.

Die Paragrafen des Grundgesetzes können vom Bundestag jederzeit geändert oder ergänzt werden, mit einer Zweidrittelmehrheit(!!!). Einige Paragrafen aber sind davon ausgenommen, durch die sogenannte Ewigkeitsklausel im Artikel 79 des Grundgesetzes. Dazu gehören
- die Menschenrechte,
- die Achtung der Menschenwürde,
- die Gewaltenteilung,
- die föderale Struktur Deutschlands.

Diese Dinge darf das Volk nicht ändern, auch nicht mit einer Mehrheit von 99 Prozent. Nach herrschender Rechtsmeinung darf deshalb auch die Todesstrafe in Deutschland nie wieder eingeführt werden, von keinem Mainstream der Welt.


Der Dealer im Weißen Haus

Freitag, der 20. Januar 2017,
13:48 Uhr

Exzerpt einer Mail von Kurt Kister

Das erste Lied seiner allerletzten Platte, „You want it darker“, hat Leonard Cohen mit der Zeile begonnen: „If you are the dealer, I’m out of the game“. Ich würde lieber in einer Welt leben, in der Leonard Cohen noch lebte und kein Donald Trump Präsident würde. Daher denke ich an diesem Freitag an diese Zeile. Leider ist Trump jetzt der Dealer im Weißen Haus, aber es ist nicht so einfach, dieses Spiel zu verlassen.

Von 99 Namen, die man, nein nicht Allah, sondern Trump geben könnte, ist „The Dealer“ einer, der die Sache und den Mann trifft. Kaum ein anderes Wort benutzt Trump so gerne wie „deal“, kein anderes Wort fasst seine Lebens“erfahrung?“, seine Welt“anschauung?“ und leider auch wohl sein „Verständnis?“ von Politik so gut zusammen.

Ein Deal ist nicht nur ein Geschäft. Dieser Begriff ist nicht in der Sphäre der ehrlichen Kaufleute zu Hause; Unter ihnen schließt man Verträge, wickelt ein Geschäft ab, besiegelt es mit Handschlag, kauft und verkauft man mit Moral. Der Deal dagegen hat stets etwas Anrüchiges, einer verschafft sich einen Vorteil auf Kosten eines anderen und ist stolz darauf. Drogen werden gedealt, die Staatsanwaltschaft schließt einen Deal mit dem selbst schuldigen Kronzeugen ab, auf dem Mississippi-Dampfer gibt der Kartendealer, ein Kerl mit dem Deringer in der Hosentasche, ein gezinktes Blatt. Einen Wheeler Dealer nennt man im Lande Trumps einen, der im Schatten und aus dem Schatten heraus Deals macht, der einem zurechtgeschweißte Gebrauchtwagen oder auch „Let’s make America great again“ andreht.

Niemand, der Trumps Aufstieg in den letzten Jahren verfolgt hat, kann es falsch finden, Trump einen Dealer zu nennen. Er selbst sieht sich so und möchte gern Deals mit den Russen abschließen, den Iranern und Angela Merkel. Wenn die nicht zu seinem Vorteil ausfallen, dann will er ihnen vermutlich zurufen: „You’re fired!“ So hat er das immer in seiner Fernsehshow getan, die ihm nicht zuletzt einen Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood eingebracht hat. „Deal“ und „you’re fired“ – das beschreibt den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten.

(US-)Amerika liegt mir immer noch am Herzen. Vor mehr als 20 Jahren war ich da mal Korrespondent und bin fünf Jahre lang kreuz und quer durch den Kontinent gereist und habe viel Faszinierendes, viel Unverständliches, manches Großartige und etliches Abscheuliche erlebt. Sicher, wenn man älter wird, sieht man die Gegenwart skeptischer und die Zukunft misstrauisch. Die Vergangenheit, oder wenigstens manche ihrer Teile, verklärt man manchmal. Wahrscheinlich gab es „mein“ US-Amerika, so wie ich mich heute manchmal daran zu erinnern glaube, gar nicht.

Aber dennoch macht auch mich die Vorstellung schaudern, dass es in diesem Land heute genug Leute gibt, die dafür sorgten, dass „The Dealer“ an diesem Freitag in der Nachfolge von Thomas Jefferson, Abraham Lincoln und Franklin D. Roosevelt Präsident wird.

Schönes Wochenende trotzdem.

Kurt Kister
Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung

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Die Gemeine Lügenfresse

von Karlheinz

Sogenannte "Soziale" Medien beeinflussen den Ausgang demokratischer Wahlen - ob es ihre feixenden Profiteure zugeben oder nicht. In welche autoritäre politische Richtung dieser Einfluss geht, ist im elenden Comedy-Zeitalter ungehemmt schamfreier Witzchenerzähler nur eine Frage mehr oder weniger aggressiver Hemmungslosigkeit im Umgang mit sämtlichen "humanen Werten" - und mit welch dreister Intransparenz diese Mega-Konzern-Fürsten, vollständig unkontrolliert, bestimmte Inhalte vorrangig verbreiten (e.g. hate speech) und vor welchen sie die Masse ihrer ahnungslosen Kunden "beschützen" (e.g. nipples).

Einer der höchsten Werte in der Kommunikation, dem Austausch von Gedanken, ist die Wahrhaftigkeit. Ohne sie gibt es kein friedliches Zusammenleben.

Das gefährlichste Organ für eine humane Welt ist daher die Gemeine Lügenfresse. Gemein, da sie jeder Mensch besitzt. Ihren Namen trägt sie aber nur, wenn sie zur vorsätzlichen Absonderung von Unwahrheiten benutzt wird. Eine der wichtigsten Aufgaben einer menschlichen Erziehung ist es, zu lernen, seine Lügenfresse nicht, oder nur so selten wie möglich zu gebrauchen. Jeder dämliche Western transportiert doch die Weisheit: Wer Lügen als Waffe benutzt, der wird durch Lügner besiegt werden.

Mir kann niemand weismachen, dass es unmöglich sein sollte, Algorithmen zu programmieren, die den Wahrheitsgehalt von Einträgen im Internet überprüfen. Prüfinstrumente, die im momentanen Chaos-Raum Internet dringendst die Funktion eines der wichtigsten Teile des Fundamentes einer intakten Demokratie übernehmen müssten, die des Qualitäts-Journalismus.

So lange diese Funktion nicht überzeugend installiert ist, werde ich jedes noch so verlockende Angebote Sogenannter "Sozialer" Medien meiden, wie "Ihr wisst schon wer" das Weihwasser.


Die Verwendung dieses Schimpfwortes, an und für sich der zuverlässige Indikator für den prekären Geisteszustand des Autors, geschieht an dieser Stelle - ganz ehrlich! - als Resultat spontaner Reim-Assoziation und - zugegeben - billiger Retourkutsche auf eine Pegida-Versammlung, die offenbar meinte, ein ARD-Kamerateam mit einem pausenlosen "Lü-gen-pres-se-Lü-..." wütend grölend begrüßen zu dürfen.

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Das Beste aus aller Welt
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG MAGAZIN

Das Geschäft mit den Lügen

Seit Trumps Sieg weiß man, dass Lügen heute mehr wert sind als die Wahrheit. Steckt darin ein neues Geschäftsmodell für die deutsche Industrie?

VON AXEL HACKE 

Heute wollen wir uns mit der Lüge als Wirtschaftsfaktor beschäftigen. Offensichtlich kann sie, die Lüge, in ökonomischer Hinsicht ja sehr hilfreich sein, das beginnt mit milden Übertreibungen, wie wir sie, um nur ein Beispiel zu nennen, in den Sechzigerjahren von Seiten jenes Waschmittelkonzerns kennenlernten, der für ein Pulver namens Omo mit dem Slogan Keiner wäscht reiner warb. Wir verstanden das gerne als Keiner wäscht Rainer, und der Rainer in unserer Schulklasse hatte darunter zu leiden. Er behauptete mit schriller Stimme, er werde sehr wohl gewaschen, wenn auch nicht mit Omo! (Die Wahrheit war, dass wir damals alle, wie viele Neunjährige, nicht die Allergewaschensten waren). Bald wurde der Omo-Satz denn auch von einer Werbung übertroffen, in der es hieß, Dash wasche so weiß, „weißer geht’s nicht“. Der Omo-Konter, man wasche „so rein, Rainer geht’s nicht“, blieb aus. Vielleicht hört man deswegen seit Jahren so wenig von Omo.

Ohnehin sind Übertreibungen oft durchschaubar, was man von der krassen Lüge so leicht nicht sagen kann. Der Volkswagenkonzern hat seine Kunden lange Zeit so kunstvoll belogen, dass man seine Bewunderung kaum verhehlen konnte. VW log und log und log – und lief und lief und lief auch deswegen so gut. Und doch muss man sagen, um auf das eingangs formulierte Thema zurückzukommen: Die Lüge war auch hier ein Hilfsmittel, um den Absatz eines anderen Produktes, des Autos nämlich, zu fördern. Sie war noch nicht das Produkt selbst.

Das aber ändert sich, wie wir anhand der Nachrichten aus Veles in Mazedonien vermuten können. Veles ist eine Stadt von 45 000 Einwohnern, deren Industrie im Niedergang begriffen, eigentlich kaum noch vorhanden ist. Viele Jugendliche haben dort aber während  des amerikanischen Wahlkampfs ein neues Geschäftsmodell entdeckt: Produktion und Vertrieb von Lügen.

Sie stellten, wie man auf buzzfeed.com und dann auch in der Welt am Sonntag lesen konnte, Internetseiten her, die sie WorldPoliticus.com, TrumpVision365.com oder DonaldTrumpNews.co nannten. Dort waren alle nur denkbaren Lügengeschichten zu lesen, Papst Franziskus habe zum Beispiel Katholiken verboten, Hillary Clinton zu wählen oder: Es gebe Beweise, dass Barack Obama in Kenia geboren sei. Von Facebook-Accounts brachten die Leute in Veles dann Leser zu diesen Seiten, und für jeden dieser Leser gab es Geld aus der Werbung, von Google AdSense, sehr wenig im einzelnen Fall. Da es aber sehr viele Lügen-Kunden gibt, wurde dann doch viel bezahlt, Tausende, wenn nicht Zehntausende von Euro für manche Lügen-Unternehmer: Eine Schwindel-Bonanza in einem Land, in dem das durchschnittliche Monatsgehalt bei 360 Euro liegt.

So ist ein gewisser Wohlstand nach Veles gekommen, denn es gibt nicht nur in den USA, sondern weltweit eine Nachfrage nach Lügen, die befriedigt werden will. Man kann also einerseits mit Hilfe von Lügen amerikanischer Präsident werden, weil es viele Leute ausnehmend attraktiv finden, wenn einer sich um die Wahrheit nicht schert; Sie halten das ja für ein Zeichen seiner Stärke. Andererseits ist mit der Lüge selbst Geld zu verdienen, sie wird, wie wir in Veles sehen, ein gut verkäufliches Ding, das vielleicht bald schon seine eigenen Fabriken, Fließbänder, Agenturen und Logistikzentren benötigt: Eine Lügenwirtschaft. Donald Trump hat sein Amt nicht mal angetreten – und da ist er schon, der erste schöne Wirtschaftsaufschwung, leider nach dem Motto Macedonia First.

Steht nun auch bei uns der Aufbau einer eigenen Lügen-Industrie an, unter Anleitung bewährter VW-Manager vielleicht? Als Mitarbeiter: Die von der Moderne abgehängten Pegida-Taugenichtse, die nun mal eh nie etwas anderes als Lügen gelernt haben? Bio-Lügen aus Freiburg, handgeschnitzte Lügen aus dem Erzgebirge, rauchende Lügen-Schlote im Ruhrgebiet, immer nach dem Motto Keiner lügt dreckiger? Ist das auch unsere Zukunft?

...

Die Enthüllungen über die Lügenindustrie haben Axel Hacke nur umso entschlossener nach der Wahrheit suchen lassen. Wo die zu finden ist? Bestimmt nicht da, wo viele Menschen sie vermuten, nämlich auf Facebook.

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Höflichkeit!

Es bahnen sich Menschen den Weg in die Öffentlichkeit, die Unverschämtheit für eine rhetorische Leistung halten. Dabei ist sie nichts weiter als ein aus den Fesseln geratenes Ego

VON JAGODA MARINIC
(39, Schriftstellerin, Leiterin des Interkulturellen Zentrums Heidelberg)
Süddeutsche Zeitung
Samstag/Sonntag, 3./4. Dezember 2016

„Die Beleidigung anderer, anderen gegenüber, das Runtermachen, das Schlechtmachen, das stört mich am allermeisten. Keine Achtung vor den anderen, das Niedrigste aus dem Volk, aus den Leuten herausholen. Nicht das Anständige, sondern das Niedrigste, und das war schon einmal der Fall.“ Mit diesen Worten beginnt das Kurzvideo von Gertrude, einer 89-jährigen Holocaust-Überlebenden aus Österreich; Sie sitzt an einem Holztisch und lässt die Zuschauer wissen, weshalb sie diesen Sonntag bei der Präsidentschaftswahl Alexander Van der Bellen wählen wird.

Die Frau rührt Menschen weltweit zu Tränen. Politikverdrossene Österreicher teilen in Kommentaren mit, sie würden nun doch ihre Stimme abgeben. Für Gertrude ist es wohl ihre letzte Wahl, für uns ist es eine der letzten Gelegenheiten, Zeitzeugen dabei zu erleben, wie sie sich einmischen. Doch einigen sind auch Opfer der Nationalsozialisten nicht heilig. Sie giften in Kommentaren, strafen die alte Dame Lügen. Gertrude, deren Video-Botschaft bald dreieinhalb Millionen Mal aufgerufen wurde, bedankt sich trotzdem vor allem für die freundlichen Rückmeldungen.

Man muss Bekanntschaft gemacht haben mit der Niedertracht,
um sich richtig wehren zu können

Gertrude kämpft um ihre Heimat. Die Heimat ist ihr schon einmal entrissen worden, allerdings nicht durch Einwanderung, sondern durch Nationalismus. Ich sehe in das Gesicht dieser alten Frau, höre ihr zu, wie sie sanft, aber bestimmt ihr Anliegen vorbringt, und ich weiß mit einem Mal: Heimat, das ist Höflichkeit. Gäbe es mehr Menschen wie Gertrude, die auf diese Weise für Heimat kämpfen, wären viele in dem Wort Heimat einfacher zu Hause.

Gertrude redet, wie meine Großmutter geredet hat. Auch meine Großmutter hat den Zweiten Weltkrieg überlebt und in dieser Zeit ihre ersten, aber nicht ihre letzten Leichen gesehen. Es klingt dringlich, was sie sagt, es hat jedoch nichts Zwingendes. Solche Frauen wissen, was das Erzwingen über die Welt gebracht hat. Sie hoffen auf den Verstand, hoffen auf die „Höflichkeit des Herzens“, wie Goethe das nannte. Sie wollen nicht Teil der Gewalt sein, und setzen mit ihrer entschiedenen Sanftmut dieser Gewalt etwas entgegen. In heutigen Zeiten ist Erinnern Widerstand.

Ich war stets voller Bewunderung für Menschen, deren Menschlichkeit durch erlebtes Leid nicht gebrochen, sondern gestärkt wurde. Diese Höflichkeit, trotz allem. Mag sein, dass Höflichkeit ein gestriger Wert ist, aber es ist einer, auf den wir schon viel zu lange verzichten, ohne uns gegen sein Verschwinden zur Wehr zu setzen. Stattdessen bahnen sich Menschen den Weg in die Öffentlichkeit, die Unverschämtheit für eine rhetorische Leistung halten. Unverschämtheit ist jedoch nichts weiter als ein aus den Fesseln geratenes Ego.

Diese Entfesselung des unverschämten Egos hat nicht in der Sphäre der Politik begonnen, sondern in der Fernsehwelt, genannt Unterhaltung. Die TV-Macher wollten raus aus den langweiligen Familiensendungen wie „Wetten, dass...?“ und erfanden stattdessen die Talentsuche, in der Spott über mangelndes Talent für mehr Quote sorgt als die Freude an Talent. Dieter Bohlen ist das deutsche Aushängeschild dieses Gehabes. Der Erfolg gibt ihm recht, heißt es, wenn man das verbale Austeilen der Jury kritisiert. Eine weitere Variante dieses Spottens sind Fernseh-Teams, die sich über die Unwissenheit von Passanten in Einkaufspassagen belustigen. Bei „Verstehen Sie Spaß?“ konnte der Hinters-Licht-Geführte noch mitlachen. Humor ist, wenn man über jemanden lacht, ihm jedoch seine Würde lässt. Alles andere ist Häme. Donald Trumps Medienerfahrung verdankt sich einer Castingshow, in der Unhöflichkeit als Entscheidungskompetenz vermarktet wurde.

Trump hat dieses Prinzip nicht als Erster in die Politik übertragen, er ist damit nur am erfolgreichsten. Das Richten über andere scheint das Prinzip der Erfolgreichen zu sein. Trumps Angriffe auf Hillary Clinton lebten von einer Überheblichkeit, die viele als Überlegenheit deuteten. Das hat mit Macht zu tun, damit, „verlachen“ zu dürfen. Gertrude nennt es: Das Niederste aus dem Volk herausholen. Nach der Wahl von Trump ist die Zahl der Übergriffe auf Minderheiten wieder gewachsen. Wer unverschämt ist, wer dem anderen nichts schenkt, der hat’s drauf, denken inzwischen viele und ahmen es nach. Es wird als Geheimnis des Erfolgs präsentiert. Trump hat so seine Wahl gewonnen. Die Strategie vieler rechter Akteure in den unsozialen Medien lässt sich herunterbrechen auf Häme, persönlichen Angriff und hemmungslose Unhöflichkeit. Keinen Respekt zu haben sich wie ein ebenbürtiger Gegner aufzuführen, ohne zu erklären, womit man sich diese Ebenbürtigkeit erarbeitet haben will, scheint in diesen Kontexten eine Leistung zu sein.

Wer sich Fernsehdebatten zwischen Norbert Hofer und Van der Bellen angesehen hat, der wurde Zeuge einer Taktik, die sich jedem halbwegs höflichen Menschen verbieten würde. Auch einem Zuschauer, der Höflichkeit als Wert noch im Bewusstsein hätte, wäre dies unerträglich. Hofer versuchte immer wieder, Van der Bellen gezielt zu verwirren, konstruierte Verbalmanöver, denen Van der Bellen kaum folgen konnte. Dies konnte er deshalb nicht, weil man nähere Bekanntschaft gemacht haben muss mit Niedertracht. Mit dem Bedürfnis, andere bloßzustellen. Hofer suggerierte schamlos, der Höflichkeit könnte eine Form von Altersschwäche zugrunde liegen: Wenn Van der Bellen nicht Schritt halten kann mit Anfeindungen gegen ihn, so ist er eben nicht präsidial.

Es ist dieselbe Form der Hexenjagd, die Trump gegen Clinton betrieb, als sie am Memorial Day einen Schwächeanfall hatte. Lügen haben heute leider lange Beine. Es ist bekannt, dass die europäischen Rechten in Trump ihren großen Lehrmeister sehen. Doch auch Gertrudes Video haben bald vier Millionen Menschen gesehen. Es gibt Hoffnung, dass die unsozialen Medien wieder sozial werden und die Höflichkeit des Herzens wieder ihren Platz findet. Eine Heimat eben. Auch in uns.

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Gefälschte Nachrichten
verbreiten sich über das Internet

Von PAUL MOZUR und MARK SCOTT
The New York Times

INTERNATIONAL WEEKLY
in Zusammenarbeit mit
Süddeutsche Zeitung
FREITAG, 25. NOVEMBER 2016
ins Deutsche übertragen
von Karlheinz

HONG KONG – Facebook Gerüchte zwingen einen renommierten Politiker, ein Herkunftsnachweis zu veröffentlichen. Einer seiner Berater prangert mit dem Facebook Foto einer Mädchenleiche ein Gewaltverbrechen an – ein Bild, das, wie sich herausstellt, aus einem anderen Land stammt.

Diese Vorfälle ereigneten sich in Indonesien und in den Philippinen, wo den Sozialen Medien ein noch  weit größerer Stellenwert  in der Politik zugestanden wird, während diese Rolle in den Vereinigten Staaten gerade schärfer in die Kritik gerät.

Schon lange bevor Donald J. Trump Hillary Clinton darin besiegte, die nächste Präsidentin der Vereinigten Staaten zu werden, rückten Spitzenvertreter, Interessengruppen und Minderheiten den Status von Facebook als eine Nachrichtenquelle des digitalen Zeitalters weltweit ins Rampenlicht, indem sie gegen einen Anschlag von Falschinformation und Missbrauch des Internet kämpften, der bereits politische Auswirkungen in der realen Welt gehabt hat. Jahrelang taten die Sozialen Netzwerke wenig, um ernsthaft gegen gefälschte Veröffentlichungen vorzugehen.

Nun haben Facebook, Google und andere damit begonnen, Schritte gegen diesen Trend zu unternehmen. Stimmen außerhalb der Vereinigten Staaten sagen jedoch, dass dieser Schritt zu spät kommt.

„Das hätten sie viel früher tun sollen“, sagt Richard Heydarian, ein politischer Analyst auf den Philippinen, einem der am schnellsten wachsenden Märkte von Facebook. „Die Warnzeichen dieser Entwicklung haben wir schon vor Jahren gesehen.“

Als Barack Obama am 17. November in Berlin, an der Seite von Kanzler Angela Merkel stehend sprach, kritisierte er Facebook und andere Soziale Medien, gefälschte Nachrichten zu verbreiten. Er wurde dabei so leidenschaftlich, dass er an einer Stelle der Frage, die er gerade beantwortete, den Faden verlor.

Soziale Medien sollten angehalten werden, gefälschte Berichte in Zaum zu halten

„Wenn alles egal zu sein scheint und keine Unterschiede mehr gemacht werden, dann werden wir nicht mehr wissen, was es zu beschützen gilt“, sagte Herr Obama.

Wie groß der Einfluss von Facebook und anderen Sozialen Medien auf internationale Wahlen ist, ist nur schwer einzuschätzen. Doch die globale Reichweite von Facebook – etwa ein Viertel der Weltbevölkerung ist Kunde – ist nur schwer zu leugnen, wie politische Fachleute und Akademiker sagen.

Einige Regierungen agieren dagegen, manchmal mit undemokratischen Folgen. Frau Merkel sagte, sie erwäge Pläne, Soziale Netzwerke dazu zu verpflichten, die Kriterien offenzulegen, nach denen sie Nachrichten im Internet bevorzugt oder nachrangig verbreiten. Einige Afrikanische Länder haben die Nutzung von Facebook, WhatsApp und Twitter vor Wahlen verboten. Die Indonesische Regierung hat Internetseiten geschlossen, die ihrer Meinung nach gefälschte Nachrichten verbreiten, wobei Experten sagen, dass einige Portale auch aus politischen Gründen ins Visier geraten sind.

Facebook sagte, das Soziale Netzwerk sei eine Möglichkeit, sich zu informieren und das, was die Leute in ihren Nachrichten-Einspeisungen sähen, sei überwiegend glaubwürdig.

Der Gedanke, dass Falschmeldungen auf Facebook, die einen sehr kleinen Anteil der Inhalte ausmachen, die Wahl in irgendeiner Weise beeinflussten – Ich denke, das ist eine ziemlich verrückte Idee“, sagte Mark Zuckerberg, der Firmenchef, auf einer technischen Konferenz, ein paar Tage nach der (US) Amerikanischen Wahl. „Wähler treffen Entscheidungen auf Grundlage ihrer erlebten Erfahrungen“. Herr Zuckerberg wurde für seine Kommentierung weithin kritisiert.

Der Einfluss von Facebook ist in Übersee oft stärker als in den Vereinigten Staaten. Experten meinen, dass in vielen Entwicklungsländern mit Bevölkerungen, für die sowohl Demokratie als auch Soziale Medien neu sind, Falschmeldungen in größerem Umfang für wahr gehalten werden könnten.

Das trifft wohl auch auf die Philippinen zu, wo der Sprecher des populistischen Präsidenten, Rodrigo Duterte, das Bild der Leiche eines jungen Mädchens auf Facebook veröffentlichte, das angeblich durch einen Drogenhändler vergewaltigt und getötet wurde. Faktenermittler wiesen später nach, dass das Foto aus Brasilien stammte. Ungeachtet der Entlarvung zitieren Anhänger dieses Bild weiterhin zur Rechtfertigung des blutigen Vorgehens von Herrn Duterte gegen angebliche Drogenhändler und Süchtige, sagen politische Analysten.

Zehntausenden Philippinischer Facebook Kunden wurde kürzlich einen Bericht zugespielt, nach dem die NASA, die (US) Amerikanische Weltraum Behörde, Herrn Duterte zum „besten Präsidenten im Sonnensystem“ ernannt habe. Während viele Kommentierende die Veröffentlichung als Scherz verstanden, schienen einige sie für zutreffend zu halten.

„Facebook hat keine Mitwirkungsmöglichkeiten für den durchschnittlichen Bürger eröffnet, es stärkt vielmehr die Möglichkeiten professioneller Propagandisten, Außenseiter und Verschwörungstheoretiker“, sagt Herr Heydarian. „Stimmen derer, die im Schatten lauerten sind nun im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung.“

Falschinformation über das Internet ist nicht nur auf Wahlen beschränkt. In Columbien verbreiteten Facebook Kunden ein grob verändertes Foto eines Pop Sängers, Juanes, der ein T-Hemd trägt, auf dem er sich augenscheinlich gegen einen Friedensschluss mit der größten Rebellengruppe des Landes ausspricht. Juanes bestreitet dies auf Twitter. Die Wähler in Columbien lehnten den Vertrag in einem Referendum im Oktober mit knapper Mehrheit ab.

Gefälschte Nachrichten auf Internetseiten Sozialer Medien haben Auswirkungen in der realen Welt

Selbst in lange bestehenden Demokratien wie Deutschland, Spanien und Italien haben gefälschte Nachrichten und Hassrede in Sozialen Medien in kurzer Zeit Bewegungen von Basispopulisten zusammengebracht, die den Zustrom von Flüchtlingen aus dem Mittleren Osten bekämpfen.

Die Forderung von Frau Merkel in Deutschland, die Firmen Sozialer Netzwerke dazu zu verpflichten, ihre Kriterien offenzulegen, nach denen sie ihre Ranglisten der Nachrichten erstellen, auf die sie ihre Kunden hinweisen, soll den Wählern größere Kontrolle darüber geben, was sie im Internet lesen.

„Algorithmen müssen transparenter sein“, hat Frau Merkel gesagt, „so dass interessierte Bürger auch darüber Bescheid wissen, was tatsächlich mit ihrem eigenen Medienverhalten und dem anderer geschieht.“

Christian Echle, der Direktor des Sub-Sahara Africa Medien Programs bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, einer politischen Deutschen Stiftung, sagte, dass Soziale Medien dazu beigetragen hätten, den Wählern in Afrikanischen Ländern zu helfen – viele von ihnen weit entfernt von städtischen Zentren – Zugang zu dringend notwendigen Informationen und zum Austausch mit politischen Kandidaten zu bekommen.

Aber, fügte er hinzu, ein wachsender Anteil von Nachrichten, die in Sozialen Medien verbreitet werden, war entweder gefälscht oder einseitig.

„Es besteht die große, große Gefahr, dass Soziale Medien bestehende Gräben in diesen Gesellschaften noch vertiefen werden“, sagte Herr Echle, der seinen Hauptsitz in Johannesburg hat. „Die Leute lernen immer noch, die Sozialen Medien zu nutzen; Daher können viele leicht auf Falschmeldungen hereinfallen.“

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Kallemann sagt:
Kein Facebook,
kein Twitter,
kein...

Das "freie" Internet tut mal wieder das, was es am besten kann. So viel wie möglich Gefühle, so wenig wie nötig Sachverstand und schon hat jedes Anliegen populistischer Gewöhnlichkeit jede gewünschte Zahl von Klicks.

Diesmal in Gestalt einer Petition für das Verbot
Gewerblicher Pferdekutschen in Berlin
.

Wir sagen: "Einspruch, Ihro Gnaden!" ...

So lange noch so große Zahlen nichtssagender, fast ausschließlich feiger, weil anonymer "Laiks" und sonstiger Klicks für bedeutsam gehalten, ja sogar höher bewertet werden, als auch nur eine einzige, noch so plausible, sachlich begründete Argumentation, ist das Internet leider immer noch ein sträflich fahrlässig vergeudetes Instrument zur Lösung von Problemen. Ein Instrument, das es durchaus sein könnte, wenn es klug, im wohlverstandenen Interesse aller Menschen und nicht "smaat", zur ausschließlichen Mehrung des Profits weniger Egomanen genutzt würde. Voraussetzung für die bindende Zweckbestimmung einer ausschließlich humanen Funktion des Internet wäre allerdings eine globale, die erste demokratische IT-Revolution. Vielleicht die wichtigste Revolution in der Geschichte der Menschheit?

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Die Macht der Community-Millionäre

Social-Media-Stars werden immer einflussreicher, die Community ist zu einer politischen Währung geworden. Wie jede andere Währung nutzt sie leider vor allem den Großen.

VON FELIX STEPHAN
2. August 2015, 8:36 Uhr
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Für jedes denkbare gesellschaftliche Anliegen gibt es in den sozialen Netzwerken aktivistische Communitys. So war das anfangs schließlich auch gedacht, mit dem Internet und seinem antiautoritären Potenzial: Wenn sich die Menschen untereinander erst einmal vernetzt haben würden, das war einmal die Idee, könnten sie frei ihre Wünsche artikulieren, ohne dass irgendeine Regierung dagegen etwas würde unternehmen können. Sie könnten sich organisieren, Unterstützer motivieren und eine Gegenöffentlichkeit aufbauen. Autoritäre Regime würden kollabieren, der Volkswille regieren. Das Internet als Sturmgeschütz der Demokratie.

In den meisten Fällen gilt hierbei: Je mehr Mitglieder eine Community hat, desto lauter ist ihre Stimme. Einen Nutzer mit 200 Followern können die Mächtigen leicht übergehen. Einen Nutzer mit zwei Millionen schon nicht mehr. Wer über eine große Community verfügt, kann unter Umständen auf Konzerne, Parteien und Regierungen direkt Einfluss nehmen. Onlinepopularität ist zu einem Hebel für gesellschaftliche Veränderungen geworden.

Laut dem amerikanischen Verfassungsrechtler Lawrence Lessig lässt sich eine Gesellschaft anhand von vier Schlüsselbereichen verändern: Rechtsprechung, Programmiersprachen, Märkte und soziale Normen. In der Praxis sieht das so aus: Juristische NGOs kämpfen für die Rechte ausgebeuteter Arbeiter, indem sie mit exemplarischen Klagen versuchen, die Rechtsprechung zu beeinflussen. Organisationen wie der Chaos Computer Club decken Sicherheitslücken in wichtigen Programmen auf. Hashtags wie #BoycottGermany zielen auf die Macht der Märkte. Und Social-Media-Kampagnen wie die Einfärbung des eigenen Profilbildes in Regenbogenfarben werben für Akzeptanz und Toleranz.

Traffic, Geld und Einfluss

Allerdings tritt eine Community nicht zwangsläufig für das Gute ein, nur weil sie eine Community ist, auch wenn sie ihren Mitgliedern gegenüber meist genau das behauptet. Seit die Community eine politische Währung ist, verhält sie sich tendenziell wie jede andere Währung: Sie hilft nicht unbedingt zuerst jenen weiter, die im Recht sind, sondern vor allem den Stärksten. Wie klassisches Kapital lässt sich auch die Community gezielt akkumulieren, wenn man sich Profis leisten kann, die das übernehmen: Social-Media-Agenturen wie Klout, TLGG oder Beebop stellen für ihre Kunden passgenaue Communitys her, die sich wiederum in Traffic, Geld und schließlich gesellschaftlichen Einfluss zurückübersetzen lassen.

In der Politserie House of Cards gibt es eine Szene, die den Sachverhalt gut illustriert: Nachdem die junge Journalistin Zoe Barnes die Position als Korrespondentin im Weißen Haus für die Tageszeitung Washington Herald ausschlägt, flippt der Chefredakteur Tom Hammerschmidt aus und nennt sie eine "undankbare, selbstgerechte kleine Fotze". Ungerührt zieht Zoe Barnes das Smartphone aus der Jackentasche, twittert das Zitat, und sagt: "Nenn mich, wie du willst, aber du solltest bedenken: Wenn du heutzutage mit einer Person sprichst, sprichst du mit tausend." Wenig später ist Tom Hammerschmidt seinen Job los.

In seinem Buch Aufstieg und Niedergang der Piraten erzählt der ehemalige Berliner Abgeordnete Christopher Lauer, dass die Piratenpartei an eben solchen Verhältnissen zugrunde gegangen ist. Innerhalb der Partei habe sich eine lautstarke Elite herausgebildet, die sich als Basis ausgab, und gegen jeden öffentlich Sturm lief, der von ihrer Linie abwich: "Damit ergibt sich das Bild einer nicht gewählten, inoffiziellen, aggressiven Polit-Elite, die sich aber für die Basis hielt und daraus ihre Legitimation zur Durchsetzung ihrer Ziele zog. Die Pervertierung jedes Ziels also, das ursprünglich per Basisdemokratie hätte erreicht werden sollen", schreibt Lauer.

Sternstunde des Politiker-Tweets

Manchmal liegt die Community auch einfach falsch. Trotzdem nimmt ihr gesellschaftlicher Einfluss tendenziell zu: Im harmlosesten Falle produziert sie nur Schlagzeilen wie etwa bei Dieter Nuhr, Til Schweiger oder Donald Trump. In der nächsten Stufe nimmt sie allerdings schon Einfluss auf die Vorstandsentscheidungen des wertvollsten Konzerns der Welt: Als die amerikanische Pop-Sängerin Taylor Swift mit ihren 60 Millionen Twitter-Followern im Juni eine Klausel im Vertrag zu Apples neuem Streaming-Dienst Apple Music kritisierte, wurden die Regelungen umgehend geändert. Nun ist Taylor Swift keine reine Twitter-Persönlichkeit, sondern im Nebenberuf auch noch Popstar. Trotzdem ist schwer vorstellbar, dass der wertvollste Konzern der Welt seine Verträge zum Beispiel für Rupert Murdoch geändert hätte. Murdoch besitzt zwar das größte Medienunternehmen der Welt, hat auf Twitter aber nur etwas mehr als 500.000 Follower.

In Deutschland gab es kürzlich einen ähnlichen Fall: Der Moderator Jan Böhmermann hatte Sigmar Gabriel auf seiner Facebook-Seite kritisiert, woraufhin der Vize-Kanzler ihn öffentlichkeitswirksam zu einem Gespräch in seinem Büro einlud. Weil er sich nicht instrumentalisieren lassen wollte, schlug Böhmermann die Einladung aus. Natürlich ist Jan Böhmermann auch als ZDF-Moderator bekannt. Er ist aber eben in den deutschsprachigen Sozialen Medien auch erfolgreich wie kaum ein anderer. Oliver Welke hätte von der Bundesregierung eher kein Gespräch angeboten bekommen, wenn er sich auf seiner Facebook-Seite über die Politik beschwert hätte. 

Mehr Reichweite als die BBC

Selbst als Nachrichtenvermittler werden die Community-Oligarchen immer relevanter. In einer Umfrage des amerikanischen PEW Research Institute haben gerade 63 Prozent der Teilnehmer angegeben, ihre Nachrichten über Facebook und Twitter zu beziehen. Wenn Taylor Swift dort einen Artikel postet, wird er für sehr viel mehr Menschen Teil der Medienrealität, als wenn etwa die BBC das tut. Die meisten Follower auf Twitter hat die Sängerin Katy Perry, es sind über 73 Millionen. Auf Platz zwei liegt Justin Bieber mit 65 Millionen.

Für Politiker bedeutet das: Mit einem Retweet von Katy Perry oder einem anderen Community-Millionär könnten sie auf einen Schlag mehr Menschen erreichen, als mit einem Interview, das zur Prime Time auf allen deutschen Fernsehsendern gleichzeitig ausgestrahlt würde. In den Tagen vor dem Eurogruppengipfel über ein drittes Geldpaket für Griechenland erlebte das Format des Politiker-Tweets deshalb eine kleine Sternstunde: Die Einigung beim Eurogipfel verkündete der ehemalige polnische Präsident Donald Tusk kurz vor Mitternacht nicht über die Nachrichtenagenturen, sondern auf Twitter. Kurz vorher hatte der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis seinen Rücktritt auch via Tweet bekannt gegeben. Der ehemalige schwedische Ministerpräsident Carl Bildt, der ehemalige belgische Regierungschef Guy Verhofstadt und der maltesische Ministerpräsident Joseph Muscat kommentierten die Einigung.

Von außen verbreiteten Professoren, Nobelpreisträger und politische Bestsellerautoren ihre Positionen via Twitter. Und kurz zuvor hatte David Cameron die Verhandlungen über die EU-Mitgliedschaft seines Landes über Twitter offiziell eröffnet.

Werbebudgets und Nachrichtenströme

Sie alle wollen Teil des Goldrausches sein, in dem es um die Währung "Community" geht. Die Feedback-Statistiken der sozialen Netzwerke beeinflussen Werbebudgets genauso wie politische Richtungsentscheidungen. Nicht ausschließlich, aber zusehends. Was aber, wenn der ganze Betrieb einem grundsätzlichen Irrtum aufsitzt? Wenn er die Anzahl der Replys und Shares mit gesellschaftlicher Relevanz verwechselt?

Die sozialen Netzwerke haben es so einfach gemacht, sich öffentlich zu äußern, dass es fast nichts mehr bedeutet. Im Internet wird der Einzelne nicht gehört, sondern lediglich gezählt und vermessen. Entscheidend ist nicht, in welcher Community man sich bewegt, sondern nur, dass man es überhaupt tut. Die einzigen, die tatsächlich eine aktive, selbstbestimmte Rolle spielen können, sind auch auf diesem unregulierten Markt die Community-Millionäre. 

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